Der Tag, an dem ich mich von Twitter trennte

Twitter und ich, wir werden uns leider trennen müssen. Wir haben es wirklich versucht, aber das mit uns, das wird leider nichts. Es kann mir nichts bieten, was ich nicht schon an anderer Stelle finde, und die Gefühle, die ich für es empfinde sind auch nicht neutral genug, um die Beziehung einfach weiter vor sich hin dümpeln zu lassen. Ohne Zweifel hat Twitter seine Vorteile. Kinderleicht lassen sich Neuigkeiten in die Welt hinauszwitschern. Auch auf kreativer Ebene ist es nicht zu verachten, denn die Beschränkung auf 140 Zeichen macht es notwendig, sich effizient auszudrücken. Möchte man dabei nicht in Abkürzungen versinken oder auf die verkrüppelte Sprache der SMS- und Messenger-Generation zurückgreifen, sich aber dennoch in kompletten, verständlichen und vielleicht sogar poetisch angehauchten Sätzen mitteilen, ist man gezwungen, seinen regulären Schreibstil radikal anzupassen, sich neu zu erfinden. Twitter verbindet auch. Da besteht kein Zweifel. Mit Bewunderung und Betroffenheit las ich über Brustkrebs und gefrorene Erbsen. Eine, nein eigentlich die, Geschichte über den Zusammenhang einer Gemeinde, über die Kraft, die auch – vielleicht sogar nur – von Menschen ausgehen kann, mit denen einen nur schwache Bande verbinden. Und trotzdem werden wir nicht warm.

Da ist zum einen die Redundanz, die mich stört und gleichzeitig dazu beiträgt, dass ich nicht viel vermissen werde. Selten werden wichtige Nachrichten getwittert und nicht gleichzeitig auch an anderer Stelle veröffentlicht. Es ist einfach lästig, wenn den selben Text an drei verschiedenen Stellen vorgesetzt bekommt, da bin ich altmodisch.

Was aber schwerer wiegt, ist die Förderung des Spannertums. Während ich dabei zusehe, wie man sich über Twitternachrichten verabredet, fühle ich mich wie ein Stalker. Ich kann das Würgen hören, das davon kommt, dass man sich übergeben will, aber da nichts mehr ist, was man auskotzen könnte. Ich kann das Entsetzen, die Trauer und das Nichtwahrhabenwollen im Gesicht der Frau sehen, die gerade verlassen wurde. Ich erlebe live mit, wie Menschen an Krankheiten zu Grunde gehen; kenne jede Nebenwirkung ihrer Medikamente; mache Berg- und Talfahrten mit, um letztendlich auf dem Boden der Tatsachen zerquetscht zu werden. Ich kenne die Essens- und Schlafensgewohnheiten meiner Twitterfreunde, ihre derzeitigen Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Freuden. Und da wird mir klar, dass ich das alles nicht will. Mir fehlt die hochdünne Grenze, die man unter Freunden gelegentlich übertritt. Mir fehlt die Privatsphäre, das Mysterium, das selbst engste Freunde umgibt. Ich will gar nicht wissen, was sie zu jeder Tageszeit tun.

Sollte irgendwann der Tag kommen, an dem der Rest der Menschheit sich bei zufälligen Treffen oder am Montag im Büro nicht mehr fragt „Und? Was hast du am Wochenende so gemacht?“ sondern krampfhaft nach Themen sucht, die man noch nicht in den Weiten des Netz breitgetreten hat, dann kratze ich meine letzten Ersparnisse zusammen, leiste mir ein Flugticket nach Kanada und ziehe mich in die Wildnis zurück, um dort einen Kult zu gründen, der jeglichen technologischen Fortschritt ablehnt. Anmeldungen können bereits jetzt eingereicht werden.

  1. Ich bin es zumindest. []

5 comments to Der Tag, an dem ich mich von Twitter trennte

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